Fachkräftemangel ausbremsen: Das IoT erfordert neues Lernen

Im Expertengespräch mit der TREND-REPORT-Redaktion zeigt Jörg Schemat, dass nur mit Bildung der digitale Wandel zu gestalten ist.

Der digitale Wandel ist dabei, das Lernen und die Art und Weise, wie Unternehmen ihre Mitarbeiter künftig fortbilden, grundlegend zu verändern. Die TÜV SÜD Akademie entwickelt deshalb digitale Lernszenarien und nutzt dazu modernste Technologien. So will sie Unternehmen dabei unterstützen, dem drohenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken, innovative Geschäftsmodelle erfolgreich umzusetzen und die Vorteile der Digitalisierung voll auszuschöpfen. Und das mit Erfolg, erklärt Jörg Schemat, Geschäftsführer der TÜV SÜD Akademie, im Interview.

Wie wird das IoT Unternehmen verändern?
Das Internet der Dinge (IoT) ist branchenübergreifend ein Thema, das Unternehmen in den nächsten Jahren radikal verändern wird. Viele Dienstleistungen und Services, aber auch die Anforderungen an Mitarbeiter werden sich ändern. Über kurz oder lang wird es keine Prozesse mehr geben, die nicht digital oder elektronisch unterstützt oder gesteuert sind. Deshalb steigt die Nachfrage nach Mitarbeitern mit IT-Kompetenzen, während einfache und zu automatisierende Tätigkeiten durch Computer oder Roboter ersetzt werden. Wir erleben also eine umwälzende Veränderung der Arbeitswelt.

Warum spielt aus Ihrer Sicht Bildung dabei eine derart bedeutende Rolle?
Das Zusammentreffen der digitalen Revolution mit dem jetzt schon vorhandenen Fachkräftemangel und der demografischen Entwicklung wird zu dramatischen Engpasssituationen für Unternehmen führen. Die einzig wirkliche Chance für viele Unternehmen, diesen Wandel gut zu meistern, wird darin bestehen, ihre bestehenden Mitarbeiter durch noch intensivere Qualifizierung und lebenslanges Lernen fit für die Herausforderungen des digitalen Wandels zu machen.

Inwieweit werden durch Ihre Ausbildung Unternehmen in die Lage versetzt, neue Geschäftsmodelle zu erkennen und anzugehen?
Unternehmen sind gefordert, auf agile Entwicklungsmethoden umzusteigen und Kunden schon in den Entwicklungsprozess mit einzubinden. Wir unterstützen Unternehmen mit unseren Schulungen und Trainings dabei und haben auch eine explizite Kampagne #MeinDigitalerWandel auf unserer Homepage gestartet, um unseren Kunden aus unterschiedlichen Blickwinkeln Handlungsempfehlungen zu geben. Dabei profitieren wir von der extremen Bandbreite an Wissen der Auditoren, Sachverständigen und Experten des TÜV SÜD Konzerns aus unterschiedlichsten Fachbereichen. Unser Ziel ist es nicht nur, einzelne Schulungen zu verkaufen. Vielmehr möchten wir für unsere Kunden ein langfristiger Lösungs- und Prozesspartner sein und gemeinsam individualisierte, ganzheitliche Qualifizierungslösungen zur Begleitung des digitalen Wandels erarbeiten.

 

Arbeitnehmer werden mehr und mehr in Form eines Selbststudiums online lernen“, so Jörg Schemat.

 

Welche Vorteile haben Absolventen Ihrer Ausbildungsgänge?
Zum einen profitieren sie von der Verlässlichkeit einer starken Marke, die sich natürlich auch in der Wertigkeit eines abgeschlossenen Zertifikats ausdrückt. Zum anderen ist es der Praxisbezug und der Zugriff auf das Wissen eines Konzerns, der weltweit mit 25 000 Mitarbeitern für die Themen Sicherheit, Prozesse und Qualität steht. Das spiegelt sich in unseren Trainings wider. Wir wissen, wovon wir sprechen. In unseren Trainings ziehen aber auch mehr und mehr digitale Trainingsinhalte ein. Dafür statten wir alle Training Center mit der technischen Infrastruktur für VR-Schulungen aus. Deshalb steht die TÜV SÜD Akademie für ein hohes Qualitätsniveau – didaktisch wie inhaltlich.

Wie sähe aus Ihrer Sicht eine Idealstrategie gegen den Fachkräftemangel aus?
Ich denke, eine optimale Strategie gibt es nicht, weil jede Branche anders tickt und Unternehmen sich mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert sehen. Grundsätzlich muss es aber ein Mix aus exzellenter HR-Arbeit und attraktiven Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung und -entwicklung sein. Das fängt schon beim Recruiting an. Der Fokus muss hierbei künftig in der frühen Vernetzung mit Absolventen liegen, beispielsweise indem Praktika angeboten oder Abschlussarbeiten ausgeschrieben werden. Zudem sind Unternehmen darauf angewiesen, in die Mitarbeiterbindung zu investieren, um teuer ausgebildete und spezialisierte Fachkräfte möglichst lange zu halten. Dabei spielt besonders die Förderung und Weiterbildung eine große Rolle. Bewerber fragen heute nicht mehr „Wie lange dauert es, bis ich Führungsverantwortung bekomme?“, sondern wollen wissen, welche Möglichkeiten ein Unternehmen für die persönliche und fachliche Weiterbildung bietet und so die „Employability“ des Mitarbeiters fördert.

Hat das Internet der Dinge Ihre eigene Ausrichtung bzw. Herangehensweise verändert?
Wir arbeiten seit zwei Jahren mit Hochdruck daran, vermehrt digitale Lernangebote zu schaffen und zusätzlich auch ganz neue Lernformate anzubieten – zum Beispiel mit Virtual Reality (VR), Augmented Reality (AR) und 360-Grad-Videos. Unser Portfolio im Hinblick auf Industrie 4.0, Datenschutz und Cybersecurity, funktionale Sicherheit und agile Managementtechniken ist stark angewachsen und wird weiter ausgebaut. Selbst Präsenztrainings werden sich verändern, indem sie angereichert werden mit begleitenden digitalen Lerninhalten.

Geben Sie uns einen kurzen Ausblick: Wie könnte Ausbildung in wenigen Jahren aussehen?
Die Aus- und Weiterbildung wird in Zukunft sehr viel stärker situativ getrieben sein und am Arbeitsplatz selbst stattfinden. Mitarbeiter werden genau die Trainings erhalten, die gerade für ihre Arbeit benötigt werden. Das kann zum Beispiel in Form eines Portals ablaufen, zu dem Mitarbeiter Zugriff haben und wo sie zu sehr konkreten Fragestellungen kurze Erklärvideos finden. Es wird weiterhin Präsenzlernen geben, allerdings wird es sich anders anfühlen als heute, da auch hier zunehmend digitale Inhalte inte­griert werden. Arbeitnehmer werden allerdings mehr und mehr in Form eines Selbststudiums online lernen. Der Frontalunterricht wird so allmählich verschwinden. Stattdessen lassen sich Präsenzphasen dann sinnvoller nutzen, etwa für Transferaufgaben, Networking und den zwischenmenschlichen Austausch. Dafür ist Präsenzlernen nämlich nach wie vor ungeschlagen.

 

Bewerber wollen schon zum Berufseinstieg wissen, welche Möglichkeiten ein Unternehmen für die persönliche und fachliche Weiterbildung bietet.

Inwiefern werden Technologien wie VR & AR die Ausbildung in naher Zukunft prägen?
Virtual und Augmented Reality werden in den nächsten Jahren das Angebot an Lernszenarien revolutionieren, vor allem in Produktionsunternehmen oder im Kontext situativen Lernens. Denn sie ermöglichen etwa das „digitale Nachbauen“ einer neuen Maschine, sodass sich Mitarbeiter die VR-Brille aufsetzen können und die korrekte Bedienung sehen und ausprobieren können. Auch 360-Grad-Videos, bei denen eine reale Umgebung aufgenommen und mit digitalen Inhalten verknüpft wird, sind eine gute Möglichkeit, Lernszenarien zu digitalisieren. Für den Bereich des situativen Lernens haben wir gerade einen Pilotansatz für Elektrofachkräfte entwickelt. Dabei geht es um das Freischalten eines Schaltschranks – eine Aufgabe, die in der Praxis nicht trainiert werden kann, da sie das Abschalten eines ganzen Betriebs erfordert. Gerade für solche Situationen oder auch für gefährlichere Szenarien, die sich nicht so leicht üben lassen, werden VR- und AR-Trainings eine große Rolle spielen.

Welche Lernmethoden bieten Sie im Kontext der Digitalisierung an?
Die TÜV SÜD Akademie bietet einen bunten Mix an digitalen Lernmethoden an: Virtual-Classroom-Szenarien, klassische webbasierte Lernangebote, bei denen Teilnehmer hauptsächlich selbst lernen, sowie komplexe Lernszenarien, bei denen mit Learning-Management-Systemen komplette Lernpfade durchlaufen werden können. Und: Erste Pilotanwendungen zeigen uns, dass AR, VR und 360-Grad-Videos Lernformate der Zukunft sind.

Welche Trends sehen Sie in den nächsten ein bis zwei Jahren?
Anwender möchten Inhalte auf verschiedene Arten lernen können und Unternehmen wollen ihren Mitarbeitern vermehrt individualisierte Trainings anbieten. Deshalb werden wir mit einer Art Modulbaukastensystem arbeiten. So können aus vielen kleinen digitalen Lernmodulen kundenspezifisch und zügig individuelle Trainings zusammengestellt werden. Es besteht also einerseits ein Bedarf an neuen Lernformaten und andererseits flexiblen und individualisierten Angeboten. //

 

Zur Person Jörg Schemat

 

 

 

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