Wettbewerbsfähigkeit erfordert passende Rahmenbedingungen.

 

Frank Thelen, CEO von Freigeist Capital, sprach mit der TREND-REPORT-Redaktion über das Potenzial neuer Technologien und darüber, wie Gründer in Deutschland unterstützt werden müssen, um diese zu nutzen.

Herr Thelen, inwieweit braucht künstliche Intelligenz das IoT (IIoT) und umgekehrt?
Künstliche Intelligenz braucht nicht unbedingt IoT, aber IoT braucht KI. Durch IoT und unzählige Sensoren fallen so große Datenmengen an, dass diese von Menschen und „dummen“ Systemen gar nicht sinnvoll ausgewertet werden können, geschweige denn, dass in Echtzeit auf Erkenntnisse aus diesen Datenmengen reagiert werden kann. Big Data ohne KI bringt keine wertvollen Erkenntnisse …

Wenn Blockchain, KI- und IoT-Technologien verschmelzen – welches Potenzial steckt dann in der Konvergenz dieser Technologien?
Das Zusammenspiel dieser Technologien hat das Potenzial, viele Bereiche unseres Lebens grundlegend zu verändern. Denken wir allein an die Energiewirtschaft: Intelligente Stromzähler und Sensoren erkennen, wann und wo wie viel Strom benötigt wird.

Eine KI steuert in Abhängigkeit davon in Echtzeit Kraftwerke und die gesamte Abrechnung unter allen Beteiligten erfolgt voll automatisiert und sicher über die Blockchain, ohne dass ein Mensch eingreifen muss. Damit werden ganz neue Konzepte und Modelle bei der Energieversorgung möglich, insbesondere deren Dezentralisierung. Setzen wir diese Möglichkeiten konsequent um, können wir in Deutschland ein echter Vorreiter werden.

 

Frank Thelen, Gründer und CEO von Freigeist Capital

 

Welche Chancen haben Deutschland und unsere Wirtschaft dabei?
Wir haben die Chance, endlich wieder bei einer Schlüsseltechnologie führend zu werden. KI ist wie z. B. das Smartphone eine Grundlagen-Technologie, die unfassbar viele neue Möglichkeiten bringt. In diesem Fall sogar deutlich mehr als das Smartphone, es ist die bisher größte und wichtigste Erfindung der Menschheit. KI ist ja kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für die Weiterentwicklung in vielen anderen Technologiebereichen.

Sei es die gerade genannte Energieversorgung, Medizintechnik, Mobilitätskonzepte oder auch die Entwicklung neuer Medikamente oder Werkstoffe – all dies sind Bereiche, in denen die deutsche Wirtschaft noch stark ist. Durch den Einsatz von KI stellen wir sicher, dass wir es bleiben.

 

Reichen die Ausgaben der Regierung, um den Standort mit der neuen Technologie international voranzubringen?
Nein, die Notwendigkeit, hier mehr tun zu müssen, wurde zwar erkannt, aber noch geben die USA und China deutlich mehr für die Förderung aus. Wollen wir hier den Anschluss nicht verlieren, muss mehr passieren. Damit meine ich nicht nur rein finanzielle Förderung, sondern auch das Schaffen passender Rahmenbedingungen. Es bleibt also viel zu tun.

 

Im Sinne der Chancen … was muss jetzt getan werden?
Natürlich helfen Fördermittel. Wir brauchen aber zusätzlich ein Umdenken: In Deutschland neigen wir dazu, immer nur Risiken und Bedenken zu sehen und eher kritisch zu sein, was neue Technologien und Entwicklungen angeht. Damit stehen wir uns sozusagen selbst im Wege. All dies ist ein weites Feld und umfasst neben einem gesellschaftlichen Umdenken stabile rechtliche Rahmenbedingungen und eine bessere Koordination bestehender Aktivitäten und Projekte.

 


„Künstliche Intelligenzen sind dazu da, uns Menschen zu unterstützen.
Sie nehmen uns Routineaufgaben ab und geben uns die Chance, dass wir uns auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren.“


 

Was raten Sie deutschen Unternehmern im Hinblick auf neue KI-Projekte?
Unternehmen müssen erkennen, dass KI ihnen in vielen Bereichen ihrer Prozesse helfen kann, in Zukunft vielleicht sogar für ihren Fortbestand entscheidend sein kann. Sie sollten sich daher mit der Materie frühzeitig befassen und z. B. den Kontakt und Austausch mit Start-ups aus dem KI-Bereich suchen.

 

Wie kann KI in Deutschland implementiert und realisiert werden im Kontext der DSGVO?
Ich bin kein Jurist, aber die DSGVO hat in der gesamten IT-Branche für viel Verunsicherung gesorgt. Und gerade bei KI-Projekten ist die Verarbeitung personenbezogener Daten ja oft notwendig – die DSGVO bremst hier auf jeden Fall. Ja, der Schutz persönlicher Daten ist wichtig, braucht aber praktikable Regeln, die die DSGVO gerade nicht bietet. Das hat die Politik aber erkannt und ich habe die Hoffnung, dass die Regelungen angepasst werden.

 

Wo befinden wir uns ungefähr im Entwicklungsprozess der „wirklichen“ KI?
Noch sind wir in einer recht frühen Phase der KI. Denken wir an digitale Assistenten wie Siri, Google Now oder Alexa, deren Fähigkeiten doch noch sehr begrenzt sind. Wir haben es bei KI eben noch nicht mit echter Intelligenz zu tun, sondern mit Programmen, die auf Grundlage vorgegebener Algorithmen so etwas wie menschliche Intelligenz simulieren und deren Stärke darin besteht, große Datenmengen schnell verarbeiten zu können, und darin, z. B. Zusammenhänge zu erkennen.

Die steigende Leistungsfähigkeit der Computersysteme ermöglicht nun aber schon neuronale Netze, die selber lernen und sich und ihre Methoden optimieren können – die KI lernt sozusagen gerade laufen.

 

Wie sieht das „neue Menschsein“ aus im Zeitalter von KI?
Künstliche Intelligenzen sind dazu da, uns Menschen zu unterstützen. Sie nehmen uns Routineaufgaben ab und geben uns die Chance, dass wir uns auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren: Kreativität, Freizeit mit der Familie, Sport, soziales Engagement z. B. KI richtig eingesetzt wird uns die Möglichkeit geben, ein menschlicheres Leben zu führen.

 

Wo und wann hört der Spaß auf und wie sollte das Risiko- und Chancenmanagement gestaltet werden?
Wir dürfen nie vergessen, dass KI dazu da ist, dem Menschen zu dienen und ihm zu helfen. Es darf nie passieren, dass eine KI gleichsam über dem Menschen steht und von diesem im Zweifel nicht, vereinfacht gesprochen, abgeschaltet werden kann.

Der Weg in Richtung KI kennt kein Zurück mehr, aber wir müssen ihn in unserem Sinne gestalten und permanent kritisch hinterfragen, ob die aktuellen Entwicklungen in die gewünschte Richtung gehen. Hierfür braucht es klare und sinnvolle Regulierungen.

 


„Ich bin kein Jurist, aber die
DSGVO hat in der gesamten IT-Branche für viel Verunsicherung gesorgt.“


 

Können wir Maschinen Moral beibringen?
Das Maschinen sobald ein echtes Verständnis für Ethik und Moral entwickeln werden, glaube ich nicht. Hier müssen wir ihnen mit Vorgaben und Regeln helfen. Eine Grundlage dafür können übrigens die von Asimov schon 1942 formulierten Robotergesetze sein. Das erste und wichtigste davon besagt, dass ein Roboter kein menschliches Wesen wissentlich verletzen darf.

Was sich theoretisch so einfach anhört, ist in der Praxis viel komplizierter: Wie soll sich die KI in einem selbstfahrenden Auto entscheiden, wenn sie das Leben entweder des Fahrers oder das eines Fußgängers gefährden muss, um Schlimmeres zu vermeiden? Die Probleme und Fragestellungen sind also ganz konkret und akut.

 

Warum gründen in Deutschland im Verhältnis nur wenige Entwickler und Technologiespezialisten?
Forschung fand in Deutschland lange Zeit vornehmlich im akademischen Elfenbeinturm statt und Kontakte mit der Wirtschaft, geschweige denn ein Austausch, galten fast schon als anrüchig. So ist es zu erklären, dass viele Grundlagentechnologien – z. B. MP3 – zwar hierzulande entwickelt, aber von anderen Ländern zum Erfolg geführt wurden.

Dieses Denken ist bei vielen noch tief verhaftet. In letzter Zeit gibt es aber Anstrengungen, diese traditionelle Trennung zu überwinden. Ich bin zuversichtlich, dass wir schon bald mehr Gründungen aus diesem Umfeld sehen.

 

Wie ergeht es jungen Tech-Gründern und Spezialisten in Deutschland, wenn Seed- oder Wachstumskapital benötigt wird?
Hier haben es deutsche Gründer tatsächlich schwieriger als z. B. die in den USA. Ich sehe drei große Probleme: Zunächst ist das Angebot tatsächlich nicht so groß. Zum anderen ist es – auch aufgrund unserer föderalen Struktur – sehr zersplittert und dementsprechend unübersichtlich. Zuletzt sind die juristischen und formalen Hürden für Beteiligungen hierzulande vergleichsweise hoch. Aber auch dieses Problem ist erkannt worden, wobei Änderungen natürlich Zeit brauchen.

 

Was hat es mit Ihrem just erschienenen Buch „Startup-DNA“ auf sich und wer sollte es lesen?
Das Buch habe ich aus mehreren Gründen geschrieben. Zum einen werde ich immer wieder gefragt, wie sich mein Weg zum Investor gestaltet hat. Gleichzeitig will ich Menschen ermutigen, ihre Ziele und Ideen in die Tat umzusetzen und selber zu gründen, denn noch nie hat es – dank der aktuellen technischen Entwicklungen – so viele Möglichkeiten gegeben, etwas zu gestalten und zu bewegen.

Und diese neuen Möglichkeiten wie KI, Blockchain oder Quantencomputing möchte ich möglichst vielen Menschen näherbringen. Deshalb habe ich diese und andere Zukunftstechnologien im Buch für jedermann verständlich erklärt. Ich kann also ganz unbescheiden sagen: Das Buch sollte jeder lesen, der sich für seine und unsere Zukunft interessiert. //

 

 

Zur Person Frank Thelen

 

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